Aktuelles

„Am Ende geht es darum, dass man attraktiv bleibt"

Buchhändlerin Svenja Esch will ihre Buchhandlung Lesumer Lesezeit klimaneutral aufstellen. Schon vor dem eigentlichen Start des Prozesses stellen sich spannende Fragen an die ganze Branche, die weitreichende Folgen haben könnten.
Erstellt am 11.11.2022


Svenja Esch will jetzt mal Nägeln mit Köpfen machen. „Ich beschäftige mich schon mehrere Jahre damit“, sagt die Inhaberin der Buchhandlung Lesumer Lesezeit im namensgebenden Ort nordwestlich von Bremen. Deshalb hat sie sich im Rahmen der Klimaschutzoffensive des Handels unter dem Dach des Handelsverbands Deutschland (HDE) jetzt als Pilotbuchhandlung gemeldet, um „klimaneutral“ zu werden. Doch die ersten Schritte zeigen bereits: ohne Verlage und Zwischenbuchhandel wird es nicht gehen. Wir haben nachgefragt: Was erwartet sie jetzt?

Auf der letzten Frankfurter Buchmesse hatte Esch in einer Podiumsdiskussion bereits darüber diskutiert. „Wir müssen uns in eine neue Zukunft bewegen“, sagt sie zu ihrer Motivation und: „Wir alle finden Klimaschutz wichtig, aber man macht es nicht. Um hier weiterzukommen, habe ich mich als Pilotbuchhandlung gemeldet.“.

Damit will sie auch gleich einen Vorteil nutzen. Viele Energieberatungen sind derzeit ausgebucht, als Pilotbuchhandlung hat sie nun die Chance, an Termine zu kommen.

Für Esch ist eines klar: „Ich möchte keinen Ablasshandel betreiben und mich mit Zertifikaten freikaufen.“. „Mir geht es um die Frage, was wir vor Ort bewegen können“, sagt sie.

Ende November ist es dann soweit. Eine erste Gruppe mit Beraterinnen und Beratern aus der Initiative, die der HDE ins Leben gerufen hat (wir berichteten) und dem Börsenverein wird ihre Buchhandlung besuchen. Dann wird eine Bestandsaufnahme erstellt. Einen Vorabfragebogen hat Esch bereits ausgefüllt.

Darin wurde sie nach Verbrauch von Wärme und Strom gefragt und wie bzw. woher der Bezug ist. Doch schon bei diesen Thema ahnt man, was auf einen zukommt, wenn man ein klimaneutrales Buchgeschäft betreiben will.

Beim Thema Licht sieht Esch sich gut aufgestellt, seitdem sie bereits 5.000 Euro in eine LED-Beleuchtung für den Laden samt Schaufenster und Büro gesteckt hat.

Doch dann kommen die Fragen, die eine Relevanz vor Ort haben werden, sie lauten:

  • Wie steht es um die Heizung?
  • Wie kommen Esch und ihre Mitarbeiterin zur Arbeitsstätte?
  • Wie gut isoliert sind die Ladenräume?

Die Heizung hat sie schon etwas heruntergedreht („wir ziehen uns einen Pullover mehr an“), doch an der Heizungsart kann sie als Mieterin nur wenig ändern. Aber das wird nicht reichen.

Zudem befindet sich der Laden in einem schönen Altbau, dieser lässt sich nicht einfach isolieren, ohne dass er seinen Charme verliert. Auch bei dieser Frage ist Esch als Mieterin auf ihren Vermieter angewiesen.

Doch dann kommt auch schnell die Frage, die die ganze Branche betrifft: „Wie klimaneutral ist das Sortiment?“ Das beinhaltet viele Einzelfragen:

  • Wie klimaneutral sind die Produkte, das heißt Bücher jedes einzelnen Verlags?
  • Wieviel wird bei den Verlagen über Zertifikate geregelt?
  • Wie sieht es mit der Belieferung aus? Bisher gilt der Postweg gegenüber dem Bücherwagendienst als weniger klimaneutral, letzterer ist aber für Esch teurer.
  • Wie hoch ist ihre Remissionsquote?
  • Wie werden die Bücher vor Ort ausgeliefert?

Möglicherweise stößt eine Bilanz schon da an ihre Grenzen: „Keiner weiß wirklich, welchen Einfluss Remissionen auf die Klimabilanz haben“, so Esch.

Und: Es ist, als ob man das Pferd von hinten her aufzäumt. Aber beim Buchhandel kommt nun einmal alles zusammen. Und deshalb könnte die Initiative in die ganze Branche zurückstrahlen. Die Frage wird sein: Lassen sich die anderen Sparten mitziehen?

Bis Januar soll nun eine CO2-Bilanz erstellt werden. Dann folgt der nächste Schritt: Welche Maßnahmen kann Esch ergreifen?

Eine Herausforderung sieht sie schon auf sich zukommen. „Man könnte die Einkaufsstruktur weiter optimieren“, so Esch. Was das für sie bedeutet? „Ein weites Feld“, sagt sie nur. Den Laden mit schönen Büchern zu bestücken und diese zu verkaufen, ist schließlich eine der Hauptmotivationen für den Beruf.

Wer sich also dazu Gedanken macht und sich die Zahlen ansieht, kommt auch schon an weitere Fragen, die die Branche betreffen. „Wofür brauchen wir 70.000 Neuerscheinungen jedes Jahr?“ Und natürlich weiß Esch auch: Je mehr eine Buchhändlerin einkauft, desto mehr befeuert sie das System.

Trotzdem will sie diesen Weg gehen und damit auch Anstöße in der Branche geben. Welche Kosten sie am Ende dafür aufbringen kann und wieviel über Mehrarbeit oder einfache Umstellung der Abläufe zu erreichen sein wird, das ist das große Fragezeichen über dem zu erwartenden Ergebnis.

Wer sich mit dem Pilotprojekt beschäftigt, stößt auch darauf, dass die betriebswirtschaftlichen Fragen weitgehend offenbleiben. Denn es gibt verschiedene Rechengrößen:

  • Welche Einsparungen lassen sich erzielen und ermöglichen kurzfristig bessere Ergebnisse?
  • Wo muss investiert, also Geld eingesetzt werden?
  • Zahlen sich bestimmte Maßnahmen auf lange Sicht aus, so dass wenigstens später ein Gewinn entsteht?
  • Welche Unterstützung gibt es durch entsprechende Fördermaßnahmen?
  • Welche Spareffekte haben geförderte Maßnahmen in welchem Zeitraum und helfen dem Laden damit in Zukunft?

Die Fragen lassen sich erst beantworten, wenn die Bilanz erstellt ist und ein Maßnahmenkatalog ausgearbeitet wird. Dann kommt das Rechnen.

Eines steht für Esch schon jetzt fest: „Auf jeden Fall betreibe ich damit Imagepflege.“ Die Aktivitäten zielten auch darauf ab, dass mehr Kundinnen und Kunden in den Laden kommen, weil sie das Bemühen sympathisch finden und dies unterstützen wollen. Auch das gehöre zur Rechnung, so Esch: „Am Ende geht es darum, dass man attraktiv bleibt.“


Langendorfs Dienst die unabhängige Brancheninfo erhält man hier:
www.langendorfs-dienst.de

Zum Testen erhält man einen Probemonat lang frei den Newsletter. 
Das Abo kostet 12 € pro Monat plus Mehrwertsteuer.
Mit dem Abo erhält man auch Zugang zum Archiv bzw. zur Webseite.

Hannover

Sebastian Kasten Assistent

Telefon +49 511 33 65 29 11
Fax +49 511 33 65 29 29
s.kastenNO SPAM SPAN!@boersenverein-nord.de


24.11.2022

Übersetzungsstipendium Niedersachsen

Das Land Niedersachsen hat auch in diesem Jahr ein Stipendium für Übersetzungen für das Jahr 2023 ausgeschrieben. Es besteht die Möglichkeit, dass anerkannte niedersächsische Verlage einen Antrag auf ein Stipendium für eine/n Übersetze/in einreichen.

17.11.2022

Börsenvereinsgremien votieren gegen Mindestpreismodell

Verlage, Sortimente, Zwischenbuchhandel: Alle drei Fachausschüsse des Börsenvereins haben sich in ihren Sitzungen klar gegen die Einführung eines Mindestpreismodells im Buchhandel ausgesprochen. Auch der Vorstand des Verbands hat sich positioniert.

11.11.2022

„Am Ende geht es darum, dass man attraktiv bleibt"

Buchhändlerin Svenja Esch will ihre Buchhandlung Lesumer Lesezeit klimaneutral aufstellen. Schon vor dem eigentlichen Start des Prozesses stellen sich spannende Fragen an die ganze Branche, die weitreichende Folgen haben könnten.