In Hamburg

Jahreshauptversammlung 2026

Eine Jahreshauptversammlung bei 39 Grad – das hatte es im für gewöhnlich eher kühleren Norden bislang noch nicht gegeben. Ein Drittel der zum Treffen angemeldeten Mitglieder – vor allem aus weiter entfernten Regionen, schließlich reicht die Fläche des Landesverbands von Osnabrück bis zur Insel Usedom – hatte kurzfristig wegen der horrenden Hitze und auch sich daraus ergebenden Zugausfällen und Autobahnrissen (etwa bei Hamburg-Marmstorf) abgesagt. Nichtsdestotrotz war die Stimmung am 27. und 28. Juni in Hamburg gut, ständig kamen die Mitglieder untereinander ins Gespräch – ein Hauptziel des Landesverbands, wie Geschäftsführer Volker Petri hervorhob: "Wie können wir die Menschen in der Branche mehr vernetzen, wie gezielt Verlage und Buchhandlungen fördern?, das wollen wir jeden Tag auch umsetzen. Für uns heißt das: Mehr Präsenz vor Ort, tätig werden und handeln."

Vorstand und Geschäftsstelle des LV Nord haben im vergangenen Geschäftsjahr ordentlich was weggeschafft, wie Vorstandsmitglied Stefanie Thörmer berichtete: 106 Mitglieder hat Volker Petri vor Ort besucht, "dadurch bekommt er direkte Einblicke in regionale Herausforderungen – diese persönlichen Gespräche sind die Grundlagen unserer Arbeit. In der Geschäftsstelle kann man jederzeit anrufen, Sie dürfen sich dort willkommen fühlen", was aus dem Plenum mit lautem Applaus und "So isses!" quittiert wurde. 1.279 Kontakte hatte die Geschäftsstelle im vergangenen Geschäftsjahr, 26 Veranstaltungen, 1500 Teilnehmende bei den vier hybriden Buchbesprechungstagen.

Deshalb war für 2026 als Motto des Landesverbands Nord "Da gehen wir hin!" gewählt. "Auch dass wir uns hier zwei Tage treffen, sich untereinander austauschen – wir merken, wie wichtig das ist, nicht nur für sich alleine hinzuwursteln", so die LV Nord-Vorsitzende Branka Felba. Die Jahreshauptversammlung solle eben auch ein Ort für Vernetzung sein. "Digital finden wir neue Formate für Nischenthemen, etwa für religiöse Sortimente und eröffnen so neue Orte zum Austausch", sagte Jens Finger, Filialleiter von Hugendubel in Greifswald und Vorstandsmitglied. Die aktuelle Situation im Landesverband sei gekennzeichnet davon, dass alle Kaufzurückhaltungen spüren, vor allem kleinere Buchhandlungen schließen, es gebe steigende Kosten in der Logistik und rückläufige Auflagen bei kleineren und mittleren Verlagen, resümierte Petri. "Ein turbulentes Frühjahr", zog auch Branka Felba Bilanz, und ging als Bremerin auf die neu gestaltete Fassade des Golden Shop ein. "Die Branche hat eine derartig große Solidarität gezeigt, die beispielhaft ist. Das ist etwas, was unsere Branche so besonders macht: Wir haben ein Gefühl für das, was wir in die Gesellschaft hineintragen wollen, und dazu gehört eben eine große Vielfalt", so Felba, und: "Es geht eigentlich gar nicht, dass wir einen Kulturkampf führen mit dem Kulturstaatsminister."

"Wie können wir unsere Branche sichtbar machen?", fragte Vorstandsmitglied Katja Berger (Harper Collins), die inzwischen auch Schatzmeisterin des Bundesverbands ist. Das sei eine nicht nur strukturelle Frage, sondern: "Wer wird wahrgenommen – und wer wird nicht wahrgenommen?" Kaufentscheidungen würden vorsichtiger, die Aufmerksamkeit sei aktuell der knappste Faktor im Kaufprozess – "bei Harper Collins wir investieren in diesem Jahr nicht in unsere Präsenz auf der Frankfurter Buchmesse, sondern sehr stark in unsere Beziehungen zum unabhängigen Buchhandel, um Sichtbarkeit zu stärken." Kleinere Verlage hingegen hätten sehr viel weniger Sichtbarkeitskanäle – "die Vielfalt in der Buchbranche existiert zwar, aber sie findet nicht immer den Weg in die Öffentlichkeit", gab Berger zu bedenken und hob auf BuchFairLiebt ab, die als Minibuchmesse eine Bühne für unabhängige Verlage biete, "hier soll Diversität erlebbar gemacht werden. Den Verlagspakt Hamburg sehen wir als Ansatz, unsere Forderungen auch politisch zu adressieren, als eine strukturelle Förderung der Hansestadt Hamburg. Uns stehen hier jährlich 700.000 Euro zur Stärkung unabhängiger Verlage zur Verfügung." Es gelte, einen Perspektivwechsel zu erreichen: "weg von vereinzelter Förderung, hin zu struktureller Förderung. Das erhöht essenziell die Sichtbarkeit – und wer gesehen wird, wird auch politisch wahrgenommen."

Reinhilde Ruprecht: Sichtbarkeit gebe es auch durch Preise und Auszeichnungen, führte Reinhilde Ruprecht (Edition Ruprecht) vom Vorstand weiter aus; so etwa durch das Förderprogramm "Buchwelten" (25.000 Euro). Sie zählte zahlreiche regionale Literaturprojekte auf, die der Landesverband unterstützt. Auch die Landessiegerinnen des Vorlesewettbewerbs, dessen verschiedenen Leserunden oft von Buchhandlungen geschultert werden, gehöre dazu, oder Bremen liest – "denn Festivals und Initiativen wie Bookstore Crawls stärken lokale Märkte, und das wird auch in den Medien wahrgenommen."

"Uuups, bin ich schon dran?", meinte Jens Finger, "Volker Petri spricht so schnell – manchmal denke ich, er ist die Wiedergeburt von Dieter Thomas Heck." Finger berichtete in seiner Funktion als kommissarischer Schatzmeister , da Katja Berger zwischenzeitlich in die Position der Schatzmeisterin im Bundesverband des Börsenvereins gewählt worden ist und dieselbe Person nicht gleichzeitig die Bundesfinanzen und die Finanzen eines Landesverbands verantworten kann. Jens Finger wurde von den Mitgliedern einstimmig als neuer Schatzmeister gewählt.

Susanne Hemming, ohne die eine Jahreshauptversammlung Nord eigentlich gar nicht mehr vorstellbar ist, ist Anfang Februar von Libri in Hamburg zu C.H. Beck nach München gewechselt, wo sie nun den Bereich "Vertrieb Fachmedien B2B & Messemanagement" leitet. Da München nun nicht mehr zum LV Nord-Terrain gehört, wurde Hemming mit großem Applaus und Delikatessen aus den fünf Nord-Bundesländern verabschiedet. Um ihre Position wieder zu besetzen, hatte sich der schleswig-holsteinische Buchhändler Christian Liesegang aus dem Vorstand bereiterklärt, für den stellvertretenden Vorsitz zu kandidieren-und wurde einstimmig gewählt. Als Nachfolger für Hemming im Vorstand kandidierte Bertram Pfister, Vertriebsleiter für den stationären Buchhandel bei Libri mit 16 Außendienstmitarbeitern – Pfister hat beim Bücherkabinett in Wandsbek Buchhändler gelernt und ist seit inzwischen 26 Jahren bei Libri. Er wurde einstimmig neu in den Vorstand gewählt.

Eine neue Förderinitiative für die LV Nord-Mitglieder stellte Branka Felba vor. Von 2027 bis 2029 sollen neu zukunftssichernde und nachhaltige Projekte von Landesverbandsmitgliedern gefördert werden. Dazu braucht es ein inhaltlich schlüssiges Projekt und eine verlässliche Kosten- und Finanzplanung und das Projekt muss auf dem Gebiet des Landesverbands durchgeführt werden. Denkbar sind etwa Beratungen von Branchenexpertinnen, auch Weiterbildungen, die mit maximal 1.000 Euro gefördert werden. Oder Zuschüsse zu Inventar- und Technikanschaffung im Sinne bestimmter Richtlinien. Oder für maximal zwei Jahre 10.000 Euro p. A. als Förderung für die Erweiterung des Geschäftsmodells – das Ergebnis der Förderung muss allerdings auch quantitativ messbar sein (mehr Kunden / mehr Umsatz/ mehr Ertrag). Die Förderungsmöglichkeiten sind komplex, weshalb an dieser Stelle nicht auf viele Einzelheiten eingegangen werden kann; Näheres dazu ist in Kürze bei der Geschäftsstelle des Landesverbands erhältlich. "Warum tun wir das?", fragte Branka Felba. "Weil wir an die Zukunft unserer Branche glauben und weil wir sicher sind, dass wir jetzt handeln müssen." Für die Förderinitiative braucht es allerdings eine Satzungsänderung.: Die Mitglieder stimmten einstimmig dafür, dass in der Satzung unter § 2 (Zweck und Aufgaben des Landesverbands) ein neuer Abschnitt 5 eingefügt wird, in dem die Förderungen aufgeführt sind.

Keine Beitragserhöhungen habe es seit 2012 gegeben, führte Felba weiter aus, aber die Beiträge oberhalb der Beitragsgruppe 34 seien seit der Fusion 2016 (von Börsenverein Region Nord mit LV Bremen-Niedersachsen) gedeckelt. Betroffen sind davon acht sehr große Mitglieder in Verlag und Zwischenbuchhandel. Hier votierten die Mitglieder im Sinne einer Beitragsgerechtigkeit nun dafür, die Deckelung aufzuheben.

Diskutiert wurde auch über das neue Modell für ein Abonnement für Börsenblatt-Plus. In den Redebeiträgen wurde die Relevanz betont, es sei wichtig, dass die Mitglieder stets aktuell informiert würden; in den Prozess der Überlegungen wären sie gerne früher einbezogen worden. Die Mitgliederversammlung forderte in einem Antrag, dass der Vorstand des LV Nord gegenüber dem Börsenverein als Herausgeber und der MVB "deutlich macht, dass das Verfahren der Einführung eines Abo-Modells für das Börsenblatt mit einer Diskussion in der Mitgliedschaft hätte einhergehen müssen und nun geprüft werden muss, ob eine Koppelung von Börsenblatt-Abo und Mitgliedsbeitrag möglich ist". Der Resolution stimmten die Mitglieder einstimmig zu.

Während die formale Jahreshauptversammlung im Gebäude des Carlsen Verlags stattfand, stand der Tag zuvor im Medienhaus Oetinger unter dem Zeichen der Leseförderung. "Wir tun Dinge aus Überzeugung, wir kommen bei 39 Grad Celsius zusammen", sagte Oetinger-Geschäftsführer Thilo Schmid. "Es gibt keine Krisen. Es gibt lediglich Situationen, die auf Situationen folgen. Und es gibt irrationale Erwartungen — unsere eigenen, die der Branche —, die irgendwann auf die Realität treffen. Es gibt Enttäuschungen, wenn vertraute Handlungsstrategien plötzlich versagen." Das sei aber kein Schicksal, sondern der normale, manchmal vielleicht einen Gang höher geschaltete Gang der Dinge. "Wer das Gegenwärtige als Krise rahmt, gibt Macht ab", so Schmid. "Wer es als Situation begreift — als eine von vielen, auf die eine nächste folgt —, der behält die Initiative. Bleibt Macher. Bleibt Gestalter." Oetinger habe sich von dem getrennt, was nicht mehr funktionierte und Neues gewagt. "Wir wachsen seit 18 Monate in einem schrumpfenden Markt." Das hänge mit der Bereitschaft zur ständigen Veränderung zusammen."

Dann legte Schmid den Fokus auf die Leseförderung mit einem bemerkenswerten Vergleich, der wachrüttelt: "Stellen Sie sich vor: Auf der Autobahn ist jedes vierte Auto nicht fahrtüchtig. Nicht nach einem Unfall. Sondern weil niemand dem Fahrer das Fahren beigebracht hat. Was wäre das für ein Chaos?" Aber genau das passiere gerade: "Jedes vierte Kind in Deutschland kann am Ende der Grundschule nicht sinnentnehmend lesen." Das sei kein Randproblem, "das ist Systemversagen. Und die Konsequenzen zahlen wir alle — in der Ausbildung, im Beruf, in der gesellschaftlichen Teilhabe. Lesen ist kein Hobby. Lesen ist der Rohstoff, aus dem Demokratie gemacht wird. Lesen ist ein Wirtschaftsfaktor", sagte Schmid unter Applaus.

Volker Petri stellte mit Anke Zumdohme von den Bücherhallen Hamburg (32 Standorte und zwei Bücherbusse, 2025 wurden 12 Millionen Medien ausgeliehen, vier Millionen Besucherinnen, viele Veranstaltungen auch für Leseförderungen) und Julia Lentge vom Verein Seiteneinsteiger (2007 von Nina Kuhn gegründet, startete mit einem Lesefest, Buchstart (alle Hamburger Kinder kriegen bei der U6-Untersuchung eine Büchertasche geschenkt, in der auch Pappbilderbücher von Carlsen und Oetinger sind – "damit erreichen wir fast alle Hamburger Kinder) zwei engagierte Leseförderinnen vor. "So viele Initiativen, so viele Bemühungen – aber 25 % der Kinder können nicht lesen. Kommt da bei den Kindern nichts an von den Bemühungen?", fragte Petri. "Also nichts, was man in dieser Richtung in Bewegung setzt, ist umsonst, es geht darum Kinder zu erreichen und auch deren Eltern, und manches braucht länger, bevor es ankommt", meinte Lentge. Seiteneinsteiger kooperiert mit Buchhandlungen wie Wassermann, Büchereck Niendorf, Christiansen in Altona usw. "Es gibt zum Glück ziemlich viele kreative Köpfe, denen viel einfällt, das ist unter Glück". Aber auf politischer Ebene müsse sich mehr bewegen, so Lentge. Und mehr kooperieren. "Einfach auch mal machen, dann wird es auch werden", so Petris Appell.

Nach weiteren Diskussionsrunden zur Leseförderung wurde der Samstagnachmittag abgerundet von der Siegerin des Landesentscheids des Vorlesewettbewerbs 2025, Luna Tallarek, die den Zuhörer:innen eine spannende Textpassage aus den "Tributen von Panem" vorlas und damit zeigte, was Leseförderung in der Praxis bedeutet – "ein Leben ohne Bücher kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen ...".

Die nächste Jahreshauptversammlung des Börsenvereins Nord wird 2027 in Schleswig-Holstein stattfinden.

Quelle: Börsenblattartikel von Stefan Hauck

Video zur Jahreshauptversammlung 2026

Traditionell trafen sich die Mitglieder des Landesverband Nord für ein Wochenende zur jährlichen Jahreshauptversammlung. Dieses mal in Hamburg. Wir wurden am Samstag herzlich im Medienhaus Oetinger aufgenommen und haben dort Podiumsdiskussionen zum Thema Leseförderung hören dürfen, bevor es am Abend in den "Grüner Jäger" ging. Nach einem morgendlichen Stadtrundgang wurde am Sonntag Mittag in den Räumen des Carlsen Verlags die reguläre Hauptversammlung durchgeführt.
Vielen Dank für das tolle Wochenende!