Hamburger Buchhanldungspreis 2026 - Rede
Liebe Antje Flemming,
Liebe Frau Hoffmeister,
liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler,
Liebe Autorinnen und Autoren,
Liebe Jury,
Liebe Lesende,
vielleicht wissen Sie es ja schon: Amazon hat einen neuen Deal!
Die 24-Stunden-Lieferung ist Schnee von gestern. Ab sofort wird Zeit gespart und Fahrt aufgenommen: Expresslieferung nennt sich der Spaß. Wer 3,99€ Aufpreis zu zahlen bereit ist, hat nicht mehr wie eine Hinterwäldlerin bis zum nächsten Morgen oder - Gott bewahre - gleich mehrere Tage abzuwarten, sondern hat sein Paket noch vor dem Abendbrot im Briefkasten.
Für Bücher gilt Same-Day-Delivery selbstverständlich auch. Von Kinderbuch bis Krimi versammelt sich hier alles, was das Herz begehrt. „Bücher“ es im Menü bis ganz nach oben geschafft hat.
Da leuchten sie einem entgegen, die bunten Cover, fein säuberlich geordnet nach Sparte: Neuerscheinungen, SPIEGEL-Bestseller, Bestseller auf Kindle, Meistgehört, Meistgelesen, und, und, und…
Jetzt noch schnell den Klappentext überfliegen, 4,7 Sterne bei 386 Bewertungen, na gut, passt. Ab damit in den virtuellen Einkaufskorb, Adresse, Kontodaten alles schon gespeichert, zack, fertig, gekauft.
So, und nun? Mit der ganzen gewonnenen Zeit kann man jetzt, wenn man lustig ist, das Paket bis zur eigenen Haustür verfolgen, kann gebannt zusehen, wie es gepackt und zum Versand verladen wird, wie der DHL-Fahrer noch 4, dann noch 3 Stationen entfernt, das kleine Lieferwagensymbol rückt näher und näher.
Wenn man richtig Glück hat, verpasst man ihn trotzdem und ist doch noch gezwungen, im Paketshop oder an der Tür des Nachbarn einem anderen Menschen Hallo zu sagen. Eigentlich schön, denkt man, und geht wieder in die eigene Wohnung zurück.
Was passiert, frage ich mich, wenn so ein Vorgang von vorne bis hinten optimiert und durchgetaktet wird, und was heißt in diesem Sinne überhaupt optimiert? Lesen effizient zu machen, Bücher zur Massenware, kurz: Buchhandel zu Fließbandarbeit.
Was dabei gewonnen wird? Zeit, ganz klar.
Was verloren geht, ist eine andere Frage.
Der Schriftsteller Kurt Vonnegut [englisch: kuht vo·nuh·guht] hatte die Angewohnheit, jeden Tag zur Post zu gehen und dort einen einzelnen Briefumschlag zu kaufen. Auf den Vorschlag seiner Frau hin, es sich leichter zu machen und gleich 100 Umschläge im Internet zu bestellen – er sei schließlich kein armer Mann – tat er, als hätte er sie nicht gehört, ging trotzdem zur Post und schrieb Folgendes:
„Ich gehe, weil ich verdammt nochmal eine tolle Zeit dabei haben werde, diesen Umschlag zu kaufen. Ich begegne Haufen von Leuten und sehe ein paar süße Babys. Und ein Feuerwehrwagen fährt vorbei und ich gebe ihm einen Daumen Hoch. Und ich frage eine Frau, was für eine Art Hund das ist. (…) Die Moral von der Geschicht‘ ist: Wir sind auf der Welt, um ein bisschen herumzualbern. Und natürlich werden uns die Computer genau das nehmen. Und, was die Computer-Leute nicht kapiert haben – oder, was ihnen egal ist – ist, dass wir tanzende Tiere sind.“
Recht hat Vonnegut: Tanzen muss man, tanzen und Bücher kaufen.
Denn, was wir mit den 1-2 gewonnenen Zeitstunden ebenfalls einbüßen, ist das vertraute Läuten und das „Hallo“, das uns an der Ladentür begrüßt, die Buchhändlerin, die nach den Kindern fragt und die neue Ausgabe, von der Lieblingsreihe schon zurückgelegt hat. Wir verpassen vollgestopfte Regale, die zum Stöbern einladen, Menschen, die sich wirklich auskennen, und vielleicht gerade das eine schmale Buch, das auf Nachfrage mit einem Aha-Geräusch aus dem hintersten Stapel gezogen wird, das es auf die Bestseller-Liste auf Amazon nie schaffen würde, aber einen selbst tief bewegen und in den kommenden Jahren begleiten wird.
Geht die Buchhandlung verloren, ist auch das Lesen nicht mehr dasselbe. Schließlich ist es ja nicht nur das Buch, das man hier kauft – Gespräch und Ankomm-Gefühl gibt es kostenlos dazu.
Buchhandlungen sind ein nicht wegzudenkender Teil unserer Literaturszene: In Zeiten, wo immer weniger auf Präsenz gesetzt wird und sich das Meiste mit einem schnellen Klick erledigen lässt, sind sie für Leser*innen Begegnungsort, und eine wichtige Anlaufstelle für gegenseitigen Austausch. Ob durch liebevoll geplante Veranstaltungen oder den kurzen Plausch an der Kasse – hier wird Gemeinschaft geschaffen.
Dabei sind es besonders die kleinen unabhängigen Buchhandlungen, die einen Raum jenseits der Marktgiganten schaffen und literarische Diversität gewährleisten. Neben Buchhändler*innen, die die Bände in ihren Regalen in- und auswendig kennen, findet man hier seltene Schätze. Von vergriffenen Werken bis zu Nischenliteratur: Für jedes Buch gibt es einen Platz; für jede Leserin damit auch.
Da kann man sich glücklich schätzen, in einer Stadt wie Hamburg zu leben, wo sich wunderbare und einzigartige Buchläden nur so tummeln. So viele inhabergeführte Buchhandlungen gibt es hier, die trotz der seit Jahren schwierigen wirtschaftlichen Lage standhaft bleiben und ihren Beitrag zu einer Literaturszene leisten, die auf Vielfalt und Gemeinschaft setzt.
Diese harte und nicht zu unterschätzende Arbeit der Hamburger Buchhändler*innen wollen wir heute würdigen: Alle zwei Jahre wird der Hamburger Buchhandlungspreis an drei Buchhandlungen vergeben, die sich in ihrem Engagement für ihre Kund*innen besonders hervorgetan haben.
Wir möchten mit dieser Verleihung ein Zeichen setzen und mit den Gewinner*innen stellvertretend die wichtigen Leistungen ehren, die jede und jeder von Ihnen täglich erbringt – ob in der Beratung, als Sortimenter, als Auszubildende, an der Kasse, bei der Organisation von Lesungen oder schlicht und einfach als Kulturvermittelnde Ihrer Stadtteile.
Die heutigen Nominierungen geben dabei schon einen Vorgeschmack darauf, wie divers die Hamburger Branche bis heute ist und wie unterschiedlich man eine Buchhandlung führen kann – von Stadtteil- bis zu Spezialbuchhandlungen ist alles mit dabei.
Die Buchhandlung Frau Büchert ist eine Nachbarschafts- und Familienbuchhandlung wie aus dem Bilderbuch. Jana Büchert hat den Laden 2018 übernommen und ihn von einer Kinder- & Jugendbuchhandlung zu einer wichtigen Anlaufstelle für Literaturbegeisterte im Grindelviertel weiterentwickelt – mit handverlesenem Sortiment, das ein breites Publikum anspricht, wunderschönen Non-Book-Produkten und Papeterie und liebevoll dekorierten Schaufenstern, die zum Verweilen einladen.
Auch die Buchhandlung Lutz Heimhalt in Fuhlsbüttel ist eine Buchhandlung, wie man sie sich vorstellt. Bis obenhin rappelvoll mit Büchern findet man hier zwischen neuen und antiquarischen Büchern neben gängigen Titeln auch die eine oder andere Obskurität.
Mit offenem Ohr für seine Kund*innen zeigen Lutz Heimhalt und sein Team, dass Vor-Ort-Vernetzung wichtiger ist als ein perfekt inszenierter Internetauftritt und setzt sich mit Spendensammlungen für die Ukraine auch für gemeinnützige Projekte ein.
Die Buchhandlung Bettina Meyer ist eine Stadtteilbuchhandlung durch und durch – in Neugraben ist sie Teil einer betonlastigen Einkaufszeile. Kaum tritt man jedoch ein, ist der Beton vergessen. Mit begeistertem Engagement, langjährigen Kundenbindungen und einer Website voller Büchertipps ist Bettina Meyer mit ihrem Team ein Lichtblick in der Umgebung und, wichtiger noch, ein beständiger Ort in einem sich konstant entwickelnden Stadtteil.
Als eine der neueren Hamburger Buchhandlungen – 2021 erst war die Eröffnung – ist die Buchhandlung Blattgold in der Neustadt in diesem Jahr zum ersten Mal für den Buchhandlungspreis nominiert. Im geteilten Raum mit einer Schmuck- und Kunstgalerie wird hier deutlich, dass man eine Buchhandlung auch mit einem kleinen, aber sorgfältig ausgewählten Sortiment führen kann. Dafür wird hier auf ein gemeinsames Miteinander gesetzt: Mit regelmäßigen Büchertischen und einem umfassenden Veranstaltungsprogramm hat sich Blattgold in nur wenigen Jahren eine treue Kundschaft aufgebaut.
Bewegen wir uns nun weit weg aus der Neustadt, nach Rissen, um genau zu sein: Dort befindet sich die Buchhandlung Bücherfuchs – 2024 von Melanie Peters übernommen und liebevoll umbenannt, inspiriert von Rabbat, dem Fuchs aus der „Schule der magischen Tiere“. Bücherfuchs ist eine Buchhandlung mit und für Kinder: Nicht nur wird sich um enge Beziehungen zu Schulen und Kitas bemüht, auch Leseförderung wird hier großgeschrieben und Erstleser*innen mit Veranstaltungen wie Bilderbuchkino und Buchgenuss nach Ladenschluss das Lesen nähergebracht. Und wer wollte nicht immer schon mal im geschlossenen Buchladen mit der Nase im Buch die Nacht verbringen? Das ist nun auch im Bücherfuchs möglich. Snacks und Getränke gibt’s dazu.
Ein tolles Angebot für die kleinen Leser*innen unter uns bietet auch die Buchhandlung im Schanzenviertel. In zwei Standorte aufgeteilt, gibt es hier Kinderbuch und Pädagogik in der Schanzenstraße, Literatur und Politik im Schulterblatt. Die Schanzenbuchhandlung wird als Kollektiv geführt und nimmt darüber hinaus eine dezidiert linke politische Positionierung ein.
Damit stellt sie, insbesondere im aktuellen politischen Klima, einen unverzichtbaren Ort für Gemeinschaft und Sichtbarkeit. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Buchhandlungen vom Verfassungsschutz durchleuchtet werden und denen daraufhin Auszeichnungen versagt bleiben, verdient die Schanzenbuchhandlung unsere geballte Solidarität! Dabei setzt sie in einem Viertel, wo lang eingesessene Läden und Restaurants nach und nach verschwinden, ein Zeichen gegen die fortschreitende Gentrifizierung.
Der letzten der nominierten Buchhandlungen möchte ich heute ganz besondere Worte widmen: Die Bücherstube Stolterfoht in der Rothenbaumchaussee ist eine Traditionsbuchhandlung mit treuen Kund*innen und mit ihrem denkmalgeschützten Gebäude, das gerade frisch und originalgetreu renoviert wurde, ein ganz besonderer Ort. Ganz mit Holz ausgekleidet und mit großen Fenstern, durch die abends im Winter warm das Licht scheint, war sie die perfekte Behausung für das Lebenswerk ihres Inhabers, dessen unerwarteter Tod uns alles sehr bekümmert hat. Frank Bartling war nicht nur leidenschaftlicher Leser und Buchsammler, sondern auch mit Leib und Seele Buchhändler. Wenn auch durch seine etwas stoische Art – typisch norddeutsch eben – nicht immer offensichtlich, liebte er seine Kund*innen und das beruht, da bin ich sicher, noch immer auf Gegenseitigkeit. So war er ein wichtiger Teil der Hamburger Literaturszene, und wird sehr vermisst werden.
Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, sich weitergehend mit der Geschichte des Ortes, der ihm so viel bedeutet hat, befassen möchten, an dieser Stelle außerdem ein kurzer Veranstaltungshinweis: Bis übermorgen (den 7. September) ist in der Zentralbibliothek am Hühnerposten noch die Ausstellung zur Bücherstube Stolterfoht zu sehen.
Schauen Sie gern vorbei!
Nun möchte ich die Lange Nacht nicht noch mehr in die Länge ziehen! Ich möchte allen Nominierten herzlich gratulieren und drücke kräftig die Daumen. Außerdem danke ich der Jury – Thomas Andre, Frauke Untiedt, Volker Petry, Bede Lüdemann und Antje Flemming – sehr für ihren Einsatz und die großartigen Nominierungen. Und am allermeisten danke ich natürlich Ihnen, den Leser*innen, die den Buchhandlungen ihr Bestehen erst ermöglichen.
Sie haben Vonnegut gehört: Lesen Sie, tanzen Sie und besuchen Sie fleißig Buchhandlungen. Dort kann man übrigens auch bestellen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen weiteren Ausklang der Langen Nacht! Feiern Sie schön!